Gabriele und Matthias Belikan
Systemische Beratung und Systemische Therapie

Systemische Einzel-, Paar-, Familienberatung und -Therapie,
Traumatherapie, Psychotherapie (HeilprG) in Limburg

Heilung als lebenslanger Weg: Warum Therapie und Selbstarbeit keine Wunderlösungen sind

Es ist eine weit verbreitete Vorstellung, dass Psychotherapie und intensive Selbstarbeit zu einem Zustand führen können, in dem überwiegend Wohlbefinden erlebt wird und Probleme kaum noch auftreten – doch in der Praxis zeigt sich dies oft anders. Obwohl diese Annahme weit verbreitet ist, handelt es sich dabei häufig um eine Illusion, die unter anderem durch die Selbsthilfeindustrie verstärkt wird. Diese verkauft die Idee, dass durch ausreichend Mindset-Arbeit, Manifestation und positive Gedanken eine Art Immunität gegenüber den Herausforderungen und Schwierigkeiten des Lebens erreicht werden kann. Im Leben entspricht dies jedoch meist nicht der Realität.

Tatsächlich betreffen Krankheiten und Leiden jeden Menschen, und Probleme bleiben ein kontinuierlicher Bestandteil des Lebens. Der Unterschied besteht vielmehr darin, wie lange man in Schwierigkeiten verharrt, wie stark man im Tief steckt und wie schnell man sich daraus wieder erholt. Die Inhalte der Herausforderungen verändern sich mit dem persönlichen Wachstum und dem Lernen, das ein lebenslanger Prozess ist. Ziel ist es nicht, ein problemfreies Leben zu erreichen, sondern innerlich so zu reifen, dass man dem Leben mit einer gewissen Gelassenheit begegnen kann. Das Ziel könnte sein, eines Tages bewusst auf das eigene Leben zurückblicken und sagen zu können: „Ich habe mein Bestes gegeben.“

Das Bild eines vollkommen unbeschwerten Daseins, nur weil man lange genug Therapie gemacht hat, ist schlichtweg unrealistisch. Dieses Idealbild sollte daher kritisch betrachtet werden, gerade wenn es von Menschen propagiert wird, die ihre eigene Situation dadurch überhöhen. Trauma und Bindungsdefizite hinterlassen tiefgreifende und nachhaltige Spuren, deren Tragweite oft unterschätzt wird. Umfangreiche Studien mit mehreren Tausend Probanden aus verschiedenen Lebenskontexten belegen deutliche Zusammenhänge zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und einem erhöhten Risiko für chronische Krankheiten wie  Diabetes, Bluthochdruck, Rückenschmerzen oder auch Krebserkranungen und psychische Erkrankungen. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass die betroffenen Körper in der frühen Lebensphase nicht ausreichend Ressourcen und Regulationsmechanismen entwickeln konnten, da sie über Jahre hinweg dauerhaftem Stress ausgesetzt waren.

Im Alltag zeigt sich dieser dauerhaft belastende Stress häufig in Form von chronischer Erschöpfung, Freudlosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und anderen alltäglichen Herausforderungen. Neben der Psychotherapie als hilfreicher und unterstützender Maßnahme können auch ganzheitliche Ansätze der funktionellen Medizin sinnvoll sein, beispielsweise eine eingehende Analyse des Hormon- und Cortisolhaushalts sowie weiterer unterstützender physiologischer Parameter. Manche Menschen sind aufgrund langandauernder chronischer physischer und psychischer Erkrankungen derart ausgebrannt und kraftlos, dass tiefgehende psychologische Arbeit zunächst noch nicht möglich ist, da diese einen hohen Energieaufwand erfordert. In solchen Fällen können die genannten Parameter unterstützend wirken und zunächst eine längere Phase der emotionalen Stabilisierung und Stärkung von wesentlicher Bedeutung sein. Veränderungen auf neurologischer und psychologischer Ebene bedeuten, neue Erfahrungen zu machen, diese zu verarbeiten und daraus zu lernen – ein Prozess, der echte, körperliche Energie voraussetzt.

Betrachtet man die aktuelle Stimmung und gesellschaftliche Lage, hört man selten Aussagen wie „Mein Leben ist ausgeglichen, ich habe viel Energie, schlafe gut und mein Stresslevel ist niedrig.“ Das Gegenteil ist oft der Fall. Im Zusammenhang damit dominiert immer häufiger der Begriff: „Selbstregulation“. Allerdings wird Selbstregulation heute häufig verkürzt als reines „Herunterregulieren“ verstanden – also als ständiges Entspannen, Beruhigen und Stressabbau. Polyvagale Übungen und Atemtechniken werden vielfach als Allheilmittel präsentiert, mit dem Versprechen, dass danach alles gut werde. Selbstregulation bedeutet jedoch viel mehr als nur Entspannung: Es geht um die Fähigkeit, flexibel zwischen Aktivität und Ruhe zu wechseln, also zu „schwingen“. Der Sympathikus – ein Teil unseres vegetativen Nervensystems – ist nicht nur eine Stressachse, sondern auch entscheidend für Freude, Neugier, Lust und Lebendigkeit. Der Parasympathikus – ein weiterer Teilbereich unseres vegetativen Nervensystems – unterstützt hingegen die Regeneration.  Echte Heilung zeigt sich nicht darin, dass man permanent entspannt ist, sondern darin, wie viel Lebendigkeit aushaltbar ist – dass das Leben zwar Herausforderungen bringt, diese einen aber nicht dauerhaft umhauen. Heilung bedeutet, mit den Anforderungen des Lebens umgehen zu können, neugierig und lebendig zu sein und sich bei Bedarf wieder beruhigen zu können.  Diese Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung – diese Schwingungsfähigkeit – sind ein fundamentales Zeichen von Lebendigkeit. Kinder zeigen dies perfekt: Sie können traurig sein, als sei die Welt untergegangen, und kurze Zeit später spielen, lachen und springen sie ausgelassen weiter.

Der Markt für Selbstoptimierung ist stark gewachsen. Probleme wie Burnout oder Ungleichheit werden so ausschleßlich auf die persönliche Verantwortung reduziert, anstatt die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu hinterfragen und soziale oder strukturelle Probleme zu verändern. Produkte, Kurse und Apps versprechen schnelle Lösungen –  oft ohne nachhaltige Wirksamkeit. Einzelne Wissensfragmente werden als als Patentrezepte für Heilung präsentiert. Wenn solche Übungen – wie zum Beispiel polyvagale Techniken, Affirmationen oder Manifestationen – nicht wie versprochen wirken, fühlen sich Betroffene häufig schuldig: „Ich habe zu viele negative Gedanken, deswegen funktioniert meine Manifestation nicht. Soll ich noch einen weiteren Kurs kaufen oder mir das nächste YouTube Video anschauen?“ Die ständige Suche nach Verbesserung kann dazu führen, dass man nie mit sich selbst zufrieden ist. Durch das ständige Anpassen und Optimieren kann die eigene Identität unter Druck geraten. Es besteht die Gefahr, dass man sich selbst fremd wird, indem man an einem Idealbild arbeitet, das nicht den eigenen Bedürfnissen entspricht. Letztlich hindert dieses permanente Streben nach Perfektion und Optimierung auch daran, Selbstakzeptanz zu entwickeln – ein wichtiger Aspekt, um das eigene Sein oder Gewordensein anzuerkennen und sich mit Wohlwollen zu begegnen.

Angesichts der Komplexität des Menschen und dem gegenwärtigen Wissensstand ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine einzelne Übung oder wenige Methoden für Millionen Menschen gleichermaßen Heilung bringen können. Würde es den „einen“ universellen Ansatz tatsächlich geben, wäre dieser längst bekannt und verbreitet. Die Realität sieht jedoch anders aus: Heilung und persönliches Wachstum gleichen eher einem Puzzlespiel, bei dem ständig neue Teile entdeckt, ausprobiert und integriert werden. Manche Puzzlestücke fügen sich gut zusammen und führen zu spürbaren und manchmal auch schnellen Veränderungen in Verhalten und Gefühlen, bei anderen ist das aktuell noch nicht möglich. 

Es ist verständlich, dass gerade Menschen in schweren Phasen sich nach schnellen, endgültigen Lösungen sehnen. Eine Medizin, die häufig nur Symptome behandelt, prägt die Erwartung, auch in der Psychologie gäbe es so etwas wie eine „Arznei“. Doch wenn wirklich ein solcher wirkungsvoller Ansatz existierte, würde sich das weltweit herumsprechen und die Menschen wären sichtbar gesünder und lebendiger. Bis dahin bleibt der Weg ein Prozess mit vielen kleinen Schritten. Diese tragen jedoch nach und nach zu mehr Stabilität, Lebensfreude, Lebendigkeit, Beziehungsfähigkeit und Erfüllung bei. Ein vollkommen leidfreies Leben ist nicht erreichbar und wird es nicht geben – das ist eine Wahrheit, die akzeptiert werden muss, um realistisch und authentisch mit sich und dem Leben umzugehen.